Ich werde oft von Bekannten älteren Datums gefragt, ob es nicht ein bisschen viel Zeit sei, die ich am Computer verbringe. Leider ist es den Leuten oft schwer klarzumachen, dass der Computer nur eins meiner Hobbys ist. Und gleichzeitig eins wie jedes andere auch.
Ich versuche dann oft, einen Bezug zu anderen Dingen herzustellen. Das klappt jedoch meistens schlecht, denn die "Büchersucht" ist nicht mehr so bekannt (näheres dazu unten). Gut funktioniert es jedoch seit langer Zeit mit dem Fernsehen: ich erkläre dann immer, dass ich natürlich (!!!) keine Killer(!!!!!)spiele spiele und mich ausschließlich den ganzen Tag mit Informationsbeschaffung und -verbreitung befasse. (Was ja auch stimmt.) Beim Fernsehen, so meine ich, bekommt man aber die Sachen nur vorgekaut. Vor dem inneren Auge der Person erscheint dann wohl immer ein chipsfressender, colatrinkender Jugendlicher mit Baseballkappe, der sich bekloppte Serien in den Hals hineinzieht. Sozusagen das typische Klischee des Jugendlichen, auch wenn es, wie meine Erfahrungen zeigen, ab und zu zu stimmen scheint.
So habe ich es bisher fast immer geschafft, die Leute von der Neutralität des Netzes zu überzeugen. Klappt also ganz gut und ist durchaus zu empfehlen.
So, jetzt gibt es nur ein Problem.
Wir leben nunmal in einer Gesellschaft, in der man soziale Effekte gerne fälschlicherweise an neuen technischen Errungenschaften festmacht. Das passt manchmal, aber meistens nicht. Eine wichtige Rolle spielen dabei natürlich auch die HolzPrintmedien, die das Internet natürlich nicht so extrem mögen. Schließlich können so die ganzen unrelevanten Artikel über die Sitzung des Hasenzüchtervereins von relevanten Glücksfunden unterschieden werden. Das macht die Leute natürlich im Endeffekt schlauer, aber das ist eine andere Frage.
Vor vielen Jahren, als Bücher für den Verbraucher erschwinglich wurden, warnte man vor der Büchersucht, die so extrem gefährlich ist. Dann kam irgendwann das Radio und das Fernsehen und das ganze begann von vorne. So geht das offenbar immer. Mal gucken, was als nächstes kommt.
Naja, mittlerweile ist halt der Computer dran, genauso wie das Internet. Da natürlich vorwiegend die ältere Generation Zeitungen liest, ist der Computer DAS BÖSE, das es zu beseitigen gilt. Mittlerweile bemerken wir aber einen Trend von der Krankheit der Büchersucht in eine andere Richtung. Sehen wir uns zwei fiktive Dialoge zwischen Großeltern und Eltern an.
Großeltern: Na, was macht denn der kleine O. so den ganzen Tag?
Eltern: Aaach, das ist toll, wie sich der Kleine entwickelt! Er verschlingt ein Buch nach dem anderen!
Großeltern: Das ist ja SUPER!
- Opa: ... und weil das so toll ist, schenke ich ihm einen Büchergutschein!
O.: Oh jaaaaaa!
Das war der erste Dialog. Nun folgt der zweite.
Großeltern: Na, was macht denn unser Enkel sonst so?
Eltern: (winken ab) Ach herrje, wir sind da ganz verzweifelt. Der sitzt den ganzen Tag vor seinem PC und schaut sich E-Books und Internetseiten von Zeitschriften an. Schlimm, schlimm!
Großeltern: Na, also wenn das wirklich so schlimm ist, dann würde ich mal ganz schnell den Stecker rausziehen! Diese "Internetz" verdirbt noch die ganze Jugend!!!!!!! Dieser ... hat da so ein Buch geschrieben, das solltet ihr euch mal kaufen. Wir hassen das Internet, weil es die ganzen kleinen Verlage und so kaputt macht.
Enkel: Das stimmt ja gar /
Großeltern: Doch, doch!
Wir sehen, dass "das Buch" einseitig in unseren Dialogen als besser dargestellt wird. "Das Internet" wird jedoch hier generell als böse vordefiniert.
Ähnliche Dialoge habe ich selbst miterlebt, zwar nicht in meiner Familie, aber bei Freunden. Beide sind natürlich überspitzt, aber sie zeigen, dass es in der Gesellschaft eine große Kluft der vorurteilbehafteten, pessimistischen Menschen gibt, die angeblich aus Erfahrung bestimmte Sachen wie das Internet als negativer empfinden als andere. Dabei ist die Büchersucht mindestens genauso schlimm wie die Computersucht.
Leider wird dies nur oft anders dargestellt. Bestimmte Nachrichtenportale berichten von "24h-Stunden-Surfing mit danachigem Tod" oder anderen Einzelfällen. Es gibt vermutlich eine Dunkelziffer von Todesfällen nach/während Bücherlesen, die nicht statistisch erfasst wird. Das ist sehr traurig.
Kinder und speziell Jugendliche, die Bücher fressen ohne Ende werden oft als unglaublich klug gesehen. Das Internet ist bei vielen Mitgliedern der älteren Semester jedoch als schädlich empfunden und bietet wohl einen Platz zum Frustauslassen. Menschen, die im Internet aktiv sind, werden somit in der öffentlichen Meinung herabgestuft. Dabei wird jedoch oft vergessen, dass das Internet an sich weder gut noch böse ist. Das Internet an sich ist grau und es kommt darauf an, was man dort macht, wenn man das Internet bewerten will.
Wenn ich das Internet nach meinen Aktivitäten bewerten müsste, würde ich es als gut bewerten.
© Max R. P. Großmann. Layout: The Unstable Xanthous Trial
Arno Nym
unmaßgeblich //CD3hDoch, das Internet ist schlimmer.
Warum? Weil es das Internet ist.